Arbeit, die sich nicht nach Arbeit anfühlt

Um was geht es im Leben wirklich? Unser Berufsschullehrer hat mal gesagt: „Liebe deine Familie, aber nie deinen Beruf.“ Am Anfang war dieser Satz für mich klar. Doch was ist, wenn dein Beruf ein Teil deiner Familie ist? Oder du Teil der großen Familie der Motorradfahrer wirst? Von dieser Familie möchte ich berichten.

Wie alles begann

Ich absolviere gerade bei Vogel Business Media meine Ausbildung zum Medienkaufmann. Das dortige Fachmagazin »bike und business« veranstaltet jedes Jahr eine Motorradtour für Menschen aus der Branche. Doch als ich hörte, dass ich für dieses Event als Vertretung einer wegen einer Operation ausgefallenen Kollegin einspringen sollte, war ich zunächst skeptisch. Für mich ergab Motorradfahren bisher überhaupt kein Sinn. Zweiräder? Stinken, sind laut und verursachen „unnötigen“ CO2-Ausstoß. Zudem gibt es wesentlich sicherere Transportmittel. Ich war nicht so weit zu erkennen, um was es dabei wirklich geht. Regelrecht blind, auf beiden Augen.

Leidenschaft im Kundenkontakt

Doch Dienst ist Dienst, rein ins Businessleben und die Herausforderung angenommen. Grundsätzlich würde ich mich als sehr offenen und leidenschaftlichen Menschen beschreiben. Dies habe ich versucht, auch unseren Kunden auf der Motorradtour zu vermitteln. Keine steifen Begrüßungsformeln und unnötiges „Um-den-heißen-Brei-reden“. Ich gab mir immer Mühe, jedem Menschen das gleiche Maß an Beachtung und Herzlichkeit entgegenzubringen, das ich mir selbst in einem Telefonat gewünscht hätte. Mein Versuch: Einen Teil meiner Persönlichkeit in jedes Gespräch miteinfließen zu lassen. Ich war dabei, meinen Groove zu entdecken.

Tatsächlich hatte ich das erste Mal das Gefühl, einen roten Faden gefunden zu haben. Den Anfang nahm alles in einem Telefonat mit einem Motorradtourteilnehmer. Mein Markenzeichen: „Mein Name ist Fabian Pfeiffer; Pfeiffer mit drei f, eins vor dem ei und zwei danach.“ Ich habe den Hörer aufgelegt und meinen Kolleginnen spontan zugerufen: „Wow, ich liebe die Motorradtour.“ Seit Ausbildungsbeginn hatte ich noch nie so viel Offenheit im Kundenkontakt. Ob das nur Zufall war?

Die Kunst der Improvisation

Aber nicht nur extern habe ich gute Erfahrungen mit »bike und business« gemacht. Meine ersten Erfahrungen mit Chefredakteur Stephan Maderner verliefen durchweg positiv. Besonders hat sich ein Satz von ihm eingeprägt: „Wir versuchen alles so gut es geht zu organisieren und der Rest wird improvisiert.“ Diese Ansage war genau nach meinem Geschmack. Und obwohl ich mich noch in der Ausbildung befinde, hatte ich immer das Gefühl, vollkommen auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Verabschiedung

Der Tag der Veranstaltung rückte näher. Mann, war ich nervös. Meine Eventpremiere war gekommen. Bei unseren Vorbereitungen hatte die Tour noch etwas Abstraktes, Surreales. Ein theoretisches Konstrukt, das erst langsam Gestalt annahm. Doch nun wurde es ernst. Alle Biker-Kollegen haben sich im Vogel-Innenhof versammelt, um uns zu verabschieden. Mit voll bepacktem VW Caddy und gemischten Gefühlen düsten meine Kollegin Lisa, eine Vogel-Werksstudentin, und ich in Richtung Losheim am See im Saarland, wo sich das Basislager unserer Motorradtour befand, das Hochwälder Wohlfühlhotel.

Die erste Aufregung legt sich

Vor Ort wurde meine Nervosität und Aufregung nicht besser. Es gab noch jede Menge abzustimmen. Alles war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Kennt ihr die Situation, wenn man einen Radiomoderator zum ersten Mal im realen Leben sieht und die Vorstellung so gar nicht zum tatsächlichen Aussehen passen will? Nach einiger Zeit waren wir fertig eingerichtet und die ersten Teilnehmer konnten kommen.

Stay calm

Meine Kollegin meinte kurz vor Beginn der Tour: „Fabi, der Trick als Veranstalter ist zu wissen, dass man nicht alles vorhersehen kann, und cool zu bleiben.“ Das hat mir sehr geholfen, bei den ersten auftretenden Problemchen tief durchzuatmen und stets einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Tourteilnehmer haben aber dann ihren Teil dazu beigetragen. Sehr dankbar nahmen sie alle meine Lösungsvorschläge an und so konnte ich mich schnell um die wichtigste Sache kümmern…

Menschen im Fokus

…den Menschen hinter dem Teilnehmer. Die Frage: „Wie ticken BikerInnen?“ hat mich brennend interessiert. Was mich begeistert hat, war die familiäre Atmosphäre, die untereinander herrscht. Trotzdem wurden Geschäfte getätigt, nur auf einer ganz anderen Ebene. Es ergab sich eine völlig andere Verhandlungsbasis. Es fand meist ein offener Schlagabtausch mit ehrlichem Feedback statt, der sehr schnell zu einem Resultat führte. Meiner Meinung nach sehr effektiv.

Mein Sozius-Debüt

Was begeistert Leute in der Branche? Ich glaube die Antwort liegt auf der Hand. Motorradfahren. Nun kann ich diese Leidenschaft irgendwie nachvollziehen. Wie es dazu kam? Also das war so…

Gefühlsmäßig war ich schon längst kein Veranstalter mehr, sondern ein Familienmitglied. Als solches musste ich natürlich am Familienausflug nach Luxemburg teilnehmen. Um ehrlich zu sein, hätte es keine sonderliche Überredungsarbeit benötigt. Ich war total im Motorradfieber. Also wurde mir von meiner Familie ein Helm (von Schuberth, danke Jörg Hillmann) und Motorradbekleidung (von Stadler, danke Petra Stadler) besorgt und Stephan hat mir schon vor der Tour angeboten, ihm als Beifahrer auf seiner BMW R 1200 GS Triple Black mit elektronischem Auspuffsoundsystem von Dr. Jekill & Mr. Hyde Gesellschaft zu leisten.

Ein Gefühl von Freiheit

Kennt ihr das Gefühl beim Achterbahn fahren? Mischt dieses Gefühl mit einer Prise Abenteuerlust und ihr erhaltet eine vage Vorstellung, was euch erwartet. Mein erstes Mal auf dem Motorrad: Einfach unbeschreiblich. Die erste Kurve war atemberaubend. Der brachiale Vorwärtsdrang der Maschine, wenn der Pilot am Gashahn zog. Der erste Stopp – nervig. Ich wollte einfach immer weiterfahren. Weiter, immer weiter. Einfach ein Erlebnis.

Es hatte morgens ein wenig geregnet und der Geruch von nasser Straße mischte sich mit lauten Motorgeräuschen. Euphorie machte sich breit. Sollte das den ganzen Tag über so weiter gehen? Mein Adrenalinpegel wuchs mit jedem gefahrenen Kilometer. Langsam bahnten wir uns den Weg über die Landstraße Richtung Luxemburg, unserem Tagesziel. Die Streckenführung war einfach der Hammer. Langgestreckte Kurven sorgten permanent dafür, dass ich aus dem Jubeln nicht mehr rauskam. Ich konnte meine Gefühle wirklich nicht mehr im Zaum halten. Ich weiß nun, warum es „The unexpected Luxembourg“ heißt. Ein Land, für das meine Begeisterung immer weiter wächst.

Ein echter Geschäftsmann

„Ich war nicht zufrieden mit den Dienstleistungen der anderen, also habe ich selbst ein Business gestartet.“ So in der Art erklärte mir Dieter Börjes, wie er ins Harley-Geschäft gekommen ist. Sehr beeindruckend. Ein wirklicher Freigeist, der seine Ideen sofort in die Tat umsetzt und nicht nur auf dem Motorrad immer am Limit fährt. Ich war noch nie in meinem Leben einer echten Selfmade-Persönlichkeit begegnet. Der Harley-Davidson- und Bekleidungshändler und Software-Unternehmer erzählte mir, dass es das Wichtigste sei, immer authentisch zu bleiben und sich nie zu verstellen. Er bestärkte mich, genau so weiter zu machen und meinen Weg geradlinig zu gehen.

Die kleinen Dinge

Um was es beim Motorradfahren geht? Trotz eines gewissen Investitionskapitals (Motorrad = teuer) geht es darum, die kleinen Dinge schätzen zu lernen, wie zum Beispiel eine tolle Kurve. Es geht darum, einen Moment mit anderen zu teilen und Zeit mit Menschen zu verbringen, die dieselbe Leidenschaft haben. Geschäfte sind dabei zwar notwendig, aber Nebensache.

Ausblick

Wie geht es mit meiner Motorradfahrer-Karriere weiter? Ich kann nur so viel sagen: Mein Herz schlägt beim Anblick eines Motorrads jedes Mal höher und ich bin definitiv angefixt. Jetzt suche ich nur nach einem passenden Augenblick, den Führerschein zu machen. Neben jeder Menge Hobbys, einer anspruchsvollen Ausbildung und vielen Reiseplänen wird das nicht einfach werden, aber machbar. Am Anfang eines jeden Lebens ist Kohle ja bekanntlich Mangelware. Ich weiß, dass es sich für mich aber auf jeden Fall lohnen würde, selbst im Sattel eines Motorrads zu sitzen. Ich bin bereit, dem nächsten Abenteuer auf der Straße entgegenzutreten.

 

Black Orange Silver and White Motorcycle von Adrian Szczygieł (CC0-URL)

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