Aus dem Tagebuch eines Pilgers

Das Schwerste, war es aufzubrechen. Den Schritt zu wagen, der eine Idee, ein bloßes Hirngespinst, Realität werden lässt. Gedanken wie: „Bist du vollkommen übergeschnappt? Überleg mal, was du da überhaupt vorhast?“, haben mich zu dieser Zeit beschäftigt. So sehr ich mich auf ein echtes Abenteuer gefreut habe, war mir doch sehr mulmig zumute. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Nach Büchern, wie „Ich bin dann mal weg“ von Harpe Kerkeling, werden Pilgerreisen nicht nur bei der älteren Generation beliebter. Immer mehr junge Menschen machen sich auf Wanderschaft, um das Leben und die Spiritualität auf dem Jakobsweg genießen zu können. Und wie es der Zufall will, beginnt der „Camino de Santiago“ direkt vor der eigenen Haustür in unserem schönen Würzburg. Auch ich habe mir, wie Harpe Kerkeling, vor meiner Ausbildung eine kleine Auszeit genommen und mich auf den Jakobsweg begeben. Da es für mich ein sehr einschneidendes Erlebnis war, möchte ich euch einige Einblicke in mein Tagebuch geben.

Hygiene ist Nebensache

Seit ich von zu Hause aufgebrochen bin, ist schon einige Zeit vergangen. Die Nächte verbringe ich draußen im Zelt. Doch nun ist es Zeit für ein richtiges Bett und eine „gescheite“ Dusche. Es herrschen tagsüber gefühlte 50 Grad und mein Shirt ist mit meinem Oberkörper verschmolzen. Ich suche in einer Ortschaft eine Weile nach einer Unterkunft, bis mich eine nette, ältere Gastwirtin aufnimmt. Nach einer warmen Mahlzeit und einem netten Gespräch über den Dorftratsch falle ich todmüde ins Bett. Schockiert über den hohen Preis, verlasse ich meine „Quartiermeisterin“ am nächsten Morgen. Ich dachte, man sei hier Pilger gewöhnt (Pilger = sehr selten liquide). Doch wenn das so weiter geht, muss ich nach einem Monat umkehren, weil mir das Geld ausgeht.

Ein wunderbarer Ort

Während der nächsten Tage entdecke ich das so genannten „Klotzhöfle“. Was früher ein Bauernhof war, wurde von den Besitzern Adelbert und Corinna liebevoll zu einer Pilgerherberge umgebaut. Ein Stück Paradies, das für Alles und Jeden Platz hat – zumindest für eine Nacht. Doch ist noch keiner anzutreffen und so bleibt für mich genügend Zeit, alles zu erkunden. Fasziniert blicke ich mich um. Ich entdecke die kleine Pilgerkapelle abseits des Weges, einen sehr großen, weitläufigen Vogelkäfig und ein kleines Haus mit einem wunderschönen Garten. Ein Schild mit der Aufschrift: „Die großen Augenblicke im Leben kommen von selbst. Es hat keinen Sinn auf sie zu warten“ steckt im Kies.

Zeit zum Nachdenken

Es ist das erste Mal, dass ich mit der Spiritualität des Jakobsweges in Berührung komme. Sehr nachdenklich gehe ich in die Kapelle und schlage das Gästebuch auf. Zahlreiche Danksagungen und Sprüche befinden sich darin. Ich fange an, über mein Leben nachzudenken und über das, was wirklich wichtig ist. Ich vermisse meine Familie und Freunde. Am liebsten möchte ich sie jetzt anrufen und ihnen mitteilen, wie ich mich gerade fühle. Ich möchte ihnen sagen, dass ich ganz vergessen habe, wie wichtig sie in meinem Leben sind. Adelbert und Corinna finden mich gedankenversunken auf ihrer Bank sitzen. Wir kommen ins Gespräch und gespannt lausche ich deren Geschichten und Erzählungen über Pilger, die hier vorbeigekommen sind.

Au revoir Deutschland

Nach einiger Zeit beschließe ich mit dem Zug nach Frankreich zu fahren, um dort meinen Weg fortzusetzen. Der Drang, eine andere Kultur kennenzulernen, wächst und ich möchte diese Pilgergemeinschaft finden, von der mir so vieles zu Ohren gekommen ist. Im Zug packt mich die Aufregung. Ich habe zwar Erfahrung im Reisen, doch war dieses Gefühl der Freiheit noch nie so stark. Keine zeitliche Begrenzung hindert mich daran hinzugehen, wohin mich meine Füße tragen, und an wunderschönen Orten zu bleiben, solange ich möchte. Einfach unbeschreiblich.

Großeltern für einen Abend

In einer französischen Herberge treffe ich endlich auf ein paar langersehnte Pilger und gemeinsam beschließen wir, miteinander ein „Festmahl“ (Nudeln mit Tomatensoße) zuzubereiten. Da mich dieses Erlebnis sehr geprägt hatte, hier eine kleine Vorstellung unserer Abendgesellschaft: Heidi und Egideon haben sich vor 60 Jahren in ihrer Jugend kennengelernt und damals sehr schnell geheiratet. „Es war nicht immer leicht“, sagt Heidi. Doch gingen die beiden durch dick und dünn und ich hatte den Eindruck, sie lieben sich noch wie am ersten Tag. Für mich, der schon beide Großelternteile verloren hat, fühlt es sich an als hätte ich einen Leih-Opa und eine Leih-Oma für einen Abend. Jemand zu dem ich immer kommen könnte, wenn ich Probleme habe.

Ein schlechter Tag

Den nächsten Tag beginne ich bewusst etwas ruhiger. Während die Anderen schon längst losgezogen waren, frühstücke ich noch ausgiebig. „Es ist der Moment, den wir immer in unserem Herzen behalten werden!“, meint Heidi und so tauschen wir keine Kontaktdaten aus. Als mein Tagesziel erreicht war, ist nur noch ausreichend Geld für eine Unterkunft übrig und kein Bankautomat weit und breit in der Nähe. Verzweifelt und von Hunger geplagt, rufe ich meine Eltern an und erzähle ihnen von meiner misslichen Lage. Ich sage ihnen, dass ich es nicht mehr schaffe und nach Hause möchte. Sie ermutigen mich weiterzumachen und das tue ich auch. Rückblickend hätte ich es ohne deren mentale Unterstützung nicht geschafft…

Zeitpunkt der Entscheidung

Seit diesem Tag ist mir bewusst, dass ich den ganzen Weg von Frankreich nach Santiago nicht durchhalten kann. Eine sehr schwere Herausforderung, mir das einzugestehen, denn es bedeutet, dass ich meine ursprünglichen Erwartungen abmildern muss. Doch wir sind alle eben nur Menschen und so aufreibend es auch war, musste alles so kommen. Jede Entscheidung griff ineinander wie die Zahnräder einer Uhr und sorgte dafür, dass ich genau die Menschen getroffen habe, die für alle Zeit in meinem Gedächtnis bleiben werden.

Freunde fürs Leben

Meine Reise war an diesem Punkt noch nicht zu Ende. Ich habe meinen Weg im spanischen Irun fortgesetzt und bin der Nordküste gefolgt. Von Allem zu berichten, würde aber den Rahmen sprengen. Mein Leben hat sich in den darauf folgenden Monaten extrem geändert und ich bin definitiv nicht mehr dieselbe Person, die ich bei meinem Aufbruch war. Der Moment Santiago erreicht zu haben, war eigentlich ernüchternd.

Meiner Vorstellung nach sollte die ganze Last der letzten Monate von mir abfallen. Aber alles was ich mir gedacht habe, war: „Kommt da noch was?“ Ich wollte nicht nach Hause, ich wollte nicht den Menschen, die in den letzten Monaten meine Freunde geworden sind, auf Wiedersehen sagen. Es war schwer sie zu verlassen, doch weiß ich genau, dass wir uns wieder sehen werden. Ein Pilger zu sein, heißt einen Bund fürs Leben einzugehen und ich freue mich schon auf diesen Moment.

Zum Schluss möchte ich jeden zukünftigen Pilger ermutigen aufzubrechen. Es erfordert weniger Vorbereitung als gedacht, wenn du die Dinge ruhig angehen zulässt und deine Erwartungen zurückschraubst. Klar ist es nicht immer leicht und der Weg zwingt dich manchmal ziemlich tief in die Knie, doch habe Vertrauen auf dich selbst. Es wird sich lohnen.

Ein kleiner Ausblick, welche bezaubernden Landschaften euch auf dem Jakobsweg erwarten können

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